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Zeitgenössische Musik

Programme:

Traum.Gesicht
Kompositionen von Adriana Hölszky, Milko Kelemen, Klaus Huber, Aribert Reimann, Helmut Zapf, Gert Anklam, Christoph Haas und Hildegard von Bingen

Stephanie Haas: Stimme
Gert Anklam: Saxophone, chinesische Mundorgel
Christoph Haas: Percussion, Streichpsalter

"Traum.Gesicht" macht hörbar, was Menschen tief im Innern bewegt: Träume und Visionen im Spannungsfeld zwischen Klanglichem und Theatralischem, zwischen instrumentaler und vokaler Klangerzeugung: dramatisch, kathartisch, humorvoll.

 
Adriana Hölszky: Monolog (1977) für Frauenstimme und große Trommel
nach einem Text der Komponistin aus Zeitungsausschnitten
Gert Anklam: Chorea - für Manfred Schulze - (2008)
für Baritonsaxophon und Percussion
Milko Kelemen: Inferno di Dante, Canto III (2003)
Version für Mezzosopran und Percussion (Christoph Haas 2007)
Text: aus Alighieri Dante "La Divina Commedia"
Gert Anklam: Gao You - Gao Me (2007)
für Sopransaxophon und Gong
Klaus Huber: Traumgesicht (1971/2008) Version für Frauenstimme
Text: aus der Apokalypse des Johannes
Christoph Haas: Einatmen - Ausatmen
für Stimmen, Baritonsaxophon und Streichpsalter (2008)
Helmut Zapf: weiß und rot (2008) für Stimmen, Sheng, Saxophon und Percussion
Text: aus dem Hohen Lied der Liebe
Christoph Haas: Ur Spring (2007)
für Rahmentrommel
Aribert Reimann: Vokalise (2006)
für Mezzosopran
Christoph Haas: Trignis (2007)
für große Trommel
Gert Anklam: aus: Konzert für B. (2002)
für Baritonsaxophon
Christoph Haas: Cruzar (2007)
für Streichpsalter
Hildegard von Bingen: O gloriosissimi, lux vivens, angeli
Bearbeitung für Frauenstimme, Sheng und Percussion
Christoph Haas, Gert Anklam (2008)
 

Tanz der Luftgeister, Monologe über dem Abgrund

Reutlinger Musiktage: Konzert im Städtischen Kunstmuseum mit Stephanie Haas, Gert Anklam und Christoph Haas

Ein fulminanter Abend: Stimmkünstlerin Stephanie Haas, Saxophonist Gert Anklam und Schlagzeuger Christoph Haas erwecken bei den Reutlinger Musiktagen neue und neueste Klänge zu packendem Leben
Reutlingen
. Zwölf Programmpunkte mit neuer und neuester Musik, darunter fünf Uraufführungen: So etwas erlebt man nicht einmal im Mekka der Neutöner, bei den Donaueschinger Musiktagen. Bei den Reutlinger Musiktagen jedoch hat die städtische Avantgarde-Reihe Musica Nova in einem ihrer packendstenden Konzerten seit Jahren eindrucksvoll unter Beweis gestellt, wie aufregend und facettenreich, wie phantastisch und spielerisch-verspielt, wie sehens- und hörenswert Gegenwartsmusik sein kann.

    Musik als Liebeslied und Schmerzgeschrei, Musik als Reflexion über die Absurditäten unseres Alltags und als reines, himmlisches Klingen, Musik als Beschwörung von Luftgeistern und ekstatischer Tanz auf gespanntem Trommelfell – und dies alles auf dem Dachboden des Reutlinger Spendhauses, kongenial umgeben von HAP Grieshabers Holzschnittkunst: Die „Aura eines Konzerts“, von der Cornelius Grube, einer der Musiktage-Macher, im Programmheft spricht – hier war sie zu spüren.
    Stephanie Haas, Gert Anklam und Christoph Haas trugen freilich am meisten zum Gelingen dieses außergewöhnlichen Abends bei: ein Glücksgriff von Musica-Nova-Leiter Veit Erdmann, just dieses Trio zum richtigen Zeitpunkt nach Reutlingen gerufen zu haben, zur Musiktage-Zeit, wo das öffentliche Interesse offenbar auch an den Nischen erfreulich groß ist und die Neugier geweckt wurde auf Neue Musik, die im Reutlinger Kulturleben ansonsten noch immer den Status eines Geheimtipps besitzt.
    Wer jedoch erleben will, mit welcher Energie, mit welcher Unmittelbarkeit und welchem Können Nusik belebt und gelebt werden kann, der ist in Reutlingens Musica-Nova-Reihe am rechten Ort, wo Stephanie Haas, die Protagonistin dieses Abends, schon mehrfach die Bühnenbretter zum Beben gebracht hat, gar kleine Triumphe feierte. Angereist war die tuttgarter Stimmkünstlerin diesmal mit Gert Anklam (Saxophon) und Christoph Haas (Percussion), zwei ebenfalls hochprofessionellen und enorm ausstrahlungsreichen Künstlerkollegen, die das artifizielle Musizieren ebenso beherrschen wie das wild-impulsive. Sie füllen und befühlen die Musik mit pulsierender Leichtigkeit und vibrierender Körperlichkeit.
    Roter Faden des Programms, in feiner Abstimmung mit dem Musiktage-Motto „Stimmen-Klang“: die Stimme in ihrem So-Sein, ihrem So-verschieden-Sein, vor allem aber in ihrem Allein-Sein. Da spannte sich der Bogen von Adriana Hölszkys grotesk-phantastischen Zeitungsausschnitt-Fetzen (1977) über das infernalische Schmerzgeschrei einer Dante-Deutung des Stuttgarter Mirko Kelemen (2007) bis hin zum Uraufführungs-Werk „Traumgesicht“ des Schweizer Komponisten Klaus Huber, das eine kühne Endzeit-Vision Albrecht Dürers mit Versen der Apokalypse in faszinierende, hochexpressive Stimmverläufe überführt.
    Das einsame Subjekt in Selbstansprache, in Weltansprache, mal ganz innerlich, dann ganz äußerlich: Der zufeinsten Feinheiten fähigen und schroffste Schärfen nie scheuenden Stephanie Haas gelang die Gradwanderung auf ihren Sitmmbändern wohl am schönsten, innigsten und ekstastischsten in dem poetischen, wunderbar formvollendeten neuen Werk von Helmut Zapf, „weiß und rot“ (2008).
    Ein Liebeslied auf Texte des biblischen „Hohen Liedes“, das den abwesenden, fernen Geliebten beschwört. In aparter, fremdartig-vertrauter Sinnlichkeit die  Singstimme, umgeben von einer Aura schillernder Klänge, die Christoph Haas und Gert Anklam (auf der Sheng, der altehrwürdigen chinesischen Mundorgel) mit stupendem Feingefühl errichteten. Dass Haas und Anklam von den Erfahrungen außereuropäischer Musik- und Musizierkultur tiefgreifend geprägt sind, wurde nicht nur hier, im sensiblen Umgang der Künstler mit dem Zeit- und Stimmungsgehalt der Musik, aufs Schönste offenbar. Auch streuten sie eigene Kompositionen und Improvisationen ins Programm, moments musicaux voll archaischer, dann wieder sphärischer Klangwirkungen, schwebend und schwingend, bebend und brodelnd, dabei jedoch nie eintönig, sondern neu und stets anders, reich.
    Aufhorchen ließ dabei vor allem Christoph Haas, dessen von forschendem Spürsinn geleiteten Klang-Erfindungen zu den überhaupt subtilsten Entdeckungen des Abends gehörten. Im uraufgeführten, feinst nuancierten „Einatmen – Ausatmen“ für Stimmen, Baritonsaxophon und Streichpsalter (2008) wird der Luftzug eines Besens, der eine, gezischte Laut zum Ereignis, zur Welt. Wie von unsichtbarer Hand gelenkt, bevölkern tänzelnd und wirbelnd Luftgeister den Raum, lachen, gackern, singen und säuseln, bis sie aufhören zu sein.

Rafael Rennicke

 
Weitere Rezensionen zu diesem Programm:
(pdf-Format, Acrobat Reader erfordelich)

Reutlinger Generalanzeiger (7.11.08)

Schwäbisches Tagblatt (8.11.08)

   

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Adriana Hölszky: "Monolog" (1998)
 

Hörbeispiele (unten auf dieser Seite)

Weitere Programme:

SOLA
Kompositionen von Violeta Dinescu, Susanne Erding-Swiridoff, Petr Pokorný
Stephanie Haas, Stimme & Percussion

 

Pansori
Kompositionen von Tomás Luzian, Sofia Gubaidulina, Milko Kelemen, Adriana Hölszky, Younghi Pagh-Paan
Stephanie Haas, Stimme & Percussion

     "Kunst zum selbstgefällig-wohligen Zurücklehnen gibt es nicht in Freia Fischers anspruchsvollen Zyklen rund um Schloß Monrepos. Eine Matinee mit der Stuttgarter Sängerin und Percussionistin Stephanie Haas strafte all jene Lügen, die meinen, in der Kunst mangle es an weitertreibenden Impulsen. Stephanie Haas intonierte das Vokalwerk "Aus den Visionen der Hildegard von Bingen", eine Komposition der Sofia Gubaidulina zum 60. Geburtstag ihres schwerkranken Komponistenfreundes Alfred Schnittke. Den Leitgedanken des diesjährigen Zyklus, orientiert an Werken jener bedeutenden Frauengestalt des Hochmittelalters, griff die Sopranistin Haas auf und verdichtete ihn mit der Kunst ihres Pansori-Vortrags, einer koreanischen Musikgattung, in der Erzählkunst, Musikalität, und dramaturgische Gestaltung vom Charakter der visionären Sängerin zusammengehalten und getragen werden.
     Beseelter Atem, schreiend gestoßenes Koloratur-Rezitativ, Lautmalereien, Schnell-Sprech-Gesang durchziehen die mittelalterlichen bis neuzeitlichen Texte und deren moderne Vertonung. Die Stimme der Sängerin ist Mittelpunkt. Meeresmuscheln, Metallkettchen, Gegenschlagblöcke, Tambourin und kleine Trommel sind das Salz zur Stimme, schmeicheln und unterstützen den szenischen Gesang.
     Keine Frage, sie weiß, wohin sie geht im eigenwillig intellektuellen Prozeß, dem Vertonen von Gedanken, der virtuosen Interpretation zeitgenössischer Partituren. Mit packender Mimik trägt sie Apokalyptisches ("Die sieben Plagen") bis leidvoll Banales ("Monolog" einer Zeitungslesenden) scharfzüngig prägnant vor - gleich einer scheinbar leicht dahinsummenden Sirene, einem vehement weiblichen Wotan oder einer ausdrucksstarken Primadonna. Ob Myriaden von Mückenschwärmen, Froschgequake, schreckhaftes bis angeödetes Durchblättern der Zeitung und Sinnieren über manche Sinnlosigkeit des ausufernden Blätterwaldes -  stimulierende Rauchzeichen quellen aus gestikulierender Stimmhaftigkeit. Sie hat ihn, den harten Geist im weichen Herz, wie ihn Widerstandskämpferin Sophie Scholl für ihr Ringen gegen böse Mächte forderte. Bleibende Impressionen aus dem reichen Repertoire einer ungewöhnlich eigenständigen Künstlerin.

(rö) Ludwigsburger Kreiszeitung, 08. Juli 1997

Gleitflug
Kompositionen von Aribert Reimann, Rainer Rubbert, Henri Pousseur und Vojtech Saudek auf Texte von Paul Celan, Renate Halbach, Friedrich Hölderlin und William Shakespeare.
Stephanie Haas, Stimme & Percussion

Weitgespannte Gesangslinien, Zimbeln und Trommeln: Vielfarbigkeit und Schichten der Gedichte von Renate Halbach werden hörbar in Rainer Rubberts Komposition. - Aribert Reimann nimmt den Hörer hinein in eine eigene Welt des Verstehens - das Fremde respektierend, ohne den Gedichten Paul Celans zu nahe zu treten.

     "Sie wissen, dass ich ihre Reimann-Interpretationen für einzigartig, für schön und klug und für zutiefst wahrhaftig halte."       Hans Dieter Werner, Reutlingen

Pressestimmen:

     "Stephanie Haas gestaltete in Wort und Ton, in Rezitation und Gesang eine kluge und kenntnisreiche Matinee, die durch ihre Vortragskunst und die Persönlichkeit ihrer Stimme hohes Niveau erreichte. Sie ließ die Freundschaft zwischen Mörike und Wilhelm Zimmermann lebendig werden. Ging auf Zimmermanns Dettinger Jahre ein und stellte - umrahmt von einigen Mörike-Liedern Hugo Wolfs und von sechs Maeterlinck-Gesängen Alexander Zemlinskys - Vertonungen aus seinem „Dettinger Liedergarten“ in die Mitte ihrer Matinee.
Sie sang diese Lieder in der Musik von Louis Hetsch, Emil Kauffmann, Heinrich Waechter und anderen mit einer klaren, großen Stimme, die auch diesen mehr idyllischen Kleinkompositio-nen Ausdruck und noble poetische Formung gewährt. Sie singt mit Glanz und Gefühl und deckt feinste seelische Regungen auf. Wechselt zwischen animierender Frische und leiser Abschieds-Wehmut. gibt „Wahrheit und Traum“ als berührendes Liebeslied wieder und macht das Lied „O frage nicht“ zum reizenden Spielball ihrer Koketterie und ihres rhythmischen Charmes. Das „Wiegenlied“ singt sie schlicht und innig, aber nicht von oben herab, wie man es bei einer Sängerin ihres Formats vielleicht erwarten würde, welche die Lieder der Hildegard von Bingen ebenso nah und persönlich und stilistisch fundiert darstellt wie vertracktesten Stücke unserer Zeit. Nein, sie behandelt diesen „Dettinger Liedergarten“ mit Geschmack und Stil und Zuneigung. singt wunderbar ehrlich und offen für die dichterische Mitteilung. In Gunilde Cramer hatte sie eine gewandte und deutlich musizierende Partnerin.“

Hansdieter Werner (Reutlinger Generalanzeiger 9.7.2002)

Begegnungen

... mit der Komponistin Susanne Erding-Swiridoff und dem Komponisten
Christoph Haas in Schwäbisch Hall (2003)
 
... mit Vera Saudkovà in Prag (1998)
 
... mit dem Komponisten Vojtech Saudek und
Vera Saudkovà in der Filharmonie Nellingen (1997)
 
... mit dem Komponisten Petr Pokorný
und dem Pianisten Rudi Spring
im Schloss Monrepos Ludwigsburg (1995)
 
... mit dem Komponisten Milko Kelemen
in Slatina/Kroatien (2002)
 

Hörbeispiele (mp3-Format)
Vojtech Saudek:
"Eine Gemeinschaft von Schurken",
Kammerkantate auf Texte von Franz und Ottla Kafka

(0:48 min, 379 kB)

 
Vojtech Saudek: "Shakespeare-Gestalten" "Julia"

(0:37 min, 296 kB)

"Hamlet"

(1:34 min, 736 kB)