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  Musiktheater

 

Von Euphorie und Sehnsucht

Kammeroper "Wegfliegen.Weit" von Veit Erdmann und Winni Victor uraufgeührt

 

REUTLINGEN (toz). Eine ausgedehnte, von der Sopranistin Stephanie Haas ergreifend gesungene Arie ohne Text gehörte zu den anrührendsten Momenten in der am Mittwoch im Foyer U3 uraufgeführten Kammeroper von Veit Erdmann (Musik) und Winni Victor (Libretto und Regie). Von psychotischen Schüben wurde die Malerin und Dichterin Unica Zürn (1916-1970) heimgesucht. Die damit einhergehenden Veränderungen von Raum- und Zeitwahrnehmung inspirierten sowohl ihre künstlerische Arbeit, zugleich aber litt sie darunter, weil sie oft genug aus eigener Kraft nicht zurückkehren konnte in "Geborgenheit, soziale Sicherheit" (so der "Arzt" in der Oper) der Alltagswelt.
Zürns Erzählung "MisTAKE" rezitierte einleitend Winni Victor. Während einer Flugreise von Paris über Frankfurt nach Berlin gerät die Autorin zunehmend in surreale Welten, vermischen sich innerpsychische und äußere Realität. Schlüsselsätze wie "alles was durchs Ohr geht, ist wahrer als die Erfahrungen durch die Augen" deklamieren die beiden Schauspieler Jochen Strodthoff (Arzt) und Mikhail Honesseau (Kunsthändler). Mit knallhartem Paukenwirbel (Bendikt Hinger) hat vorher die Musik eingesetzt, fortgeführt durch eine ruhige, weit ausgreifende Cello-Kantilene (Ellen Winkel-Lim). Und scharf geprägte Klavier-Motive bereiten auf die eingangs schon erwähnte Auftrittsarie der Unica vor. Für die thematischen sonderbaren Raum-Wahrnehmungen hatte Werner Brenner ein ideales, perspektivenreiches Bühnenbild gebaut. Wie unterschiedliche Zeiten traumhaft zur Gleichzeitigkeit verschmelzen können, ließ Erdmanns Musik zum Tanz der Unica mit ihrem unerreichbaren Traum-Mann (Countertenor Johannes Reichert) hörbar werden " Cembalo, Klavier (Shoko Hayashizaki und Michael Hagemann) und Cello changieren zwischen vertrauten und verfremdeten Klängen. Behutsam hat Regisseurin Victor die kühl-distanzierte, selbstbeobachtende Prosa der Zürn dramatisch angereichert. Ein Konflikt zwischen Arzt und Kunsthändler in der Beurteilung über und den Umgang mit der seltsam sich verhaltenden Passagierin Unica wird angedeutet, aber nicht ausgewalzt. Beeindruckend gelang die Darstellung extremer Raum- und Körpergefühle. Entgrenzt: Ein Mal schien die Unica zu schweben, die Raumgrenzen zum Flugzeug aufheben zu können. Und eingeschlossen: Eine Stimme gebietet ihr, sich ins Innere eines aus Gusseisen-Streben geformten Kleiderständers zu begeben. Ein- und Austritt aus diesem Käfig spielte Haas stumm, gleichwohl mit bezwingender Intensität. Einige klug disponierte Momente in Victors Inszenierung ließen auch für das Publikum Raum zu rätseln, auf welcher Realitätsebene die Handlung sich gerade bewegte " so wenn die Sprecherin Marion Lindt, in Stewardessen-Uniform, ihre Lippen synchron zu einer vom Zuspielband kommenden Flughafen-Ansage bewegte. Erdmann hatte zwar die Rollen der Instrumente klar verteilt "Klavier für die Gegenwart, Cello für Gefühle und Wünsche, Cembalo fürs Vergangene und Pauken fürs bedrohlich Ängstigende" behielt aber diese Arbeitsteilung nicht pedantisch durch, sondern komponierte an exponierten Stellen gerade die Mischzustände aus Euphorie und Sehnsucht. Mit den Absichten des Komponisten zeigte sich der musikalische Leiter Jürgen Bolle bestens vertraut. Auf Schmerz, Schärfe und Brillanz der eigenwilligen Texte von Unica Zürn haben in den vergangenen Jahren die Komponistinnen Isabel Mundry und Iris ter Schiphorst musikalisch intensiver reagiert als Erdmann. Ihm lag die Kluft zwischen schöpferischer Euphorie und vielleicht unstillbarer Sehnsucht näher. Rund 150 Hörer/innen applaudierten der hörenswerten Reutlinger Produktion kräftig und anhaltend, extra stark für die sensationelle Stephanie Haas.

Schwäbisches Tagblatt, 24.09.2005


 
Stille Engel
Musiktheater-Performance im Dick-Areal für Sängerin, Live-Elektronik, Piano, Sport-Taucherin, Bergsteiger und Trommelgruppe
Gesang: Stephanie Haas, Percussion: Christoph Haas & Banda Maracatú, Klavier: Gunilde Cramer, Licht: Caleidoscope, Ton: Axel Kühlem, Konzeption & Regie: Christoph Haas

Naturverbundenheit und Technikbegeisterung, Innerlichkeit und Industrialisierung, Sehnsucht nach Nähe und Heimatlosigkeit, Mittelalter-Verklärung und Fortschrittsgläubigkeit. Widersprüchliche Haltungen der Romantik bilden den Anstoß zu "Stille Engel" und markieren die zentralen Themen der Musiktheater-Performance. Die Trommelgruppe "Banda Maracatú" führt die Besucher aus der heutigen Realität des Dick-Areals hinein in die Zeit der Romantik. Eine spektakuläre Licht- und Klang-Installation verwandelt die Dick-Piazza in ein "Traummeer tief und blau" (Friedrich Zimmermann). Die Sängerin Stephanie Haas bewegt sich zwischen Brunnen und Lift, Tauchturm und Rolltreppe, Kletterwand und Fitnesscenter. Romantisches Lied und Metall-Percussion, mittelalterlicher Gesang und zeitgenössische Musik lassen eintauchen in eine Welt von Licht, Klang und Bewegung.

Pressestimmen:

Schwarze Himmelsboten in blutrotem Licht

     Stille Engel können auch schrill sein. Vor allem, wenn Stephanie Haas in blutrotes Licht getaucht mit blitzenden Augen in einer Kakophonie der Silben die sieben Plagen heraufbeschwört. Doch verschmilzt die Sängerin auch buchstäblich mit den romantischen Liedern eines Franz Schubert und stirbt unter Walgesängen vor dem Wasserturm den Liebestod der Isolde. Eine großartige Musiktheater-Performance begeistert das Publikum auf der Piazza im Dick. Aufpeitschende Trommeln, dem Stampfen einer Maschine gleich, nähern sich aus dem Nirgendwo. Verträumt spielt der weiße Engel unter Wassergeplätscher mit der goldenen Kugel am Brunnen. Zart und sehnsuchtsvoll setzt Stephanie Haas, einfühlsam begleitet von Gunilde Cramer am Klavier, zu dem Lied "An der Quelle" von Franz Schubert an. Technikbegeisterung sowie Innerlichkeit und Naturverbundenheit spiegeln die Widersprüchlichkeit der Romantik wider. "Stille Engel", so der Titel der Performance, wurde daher auch extra für das Stadtjubiläum "777 - 1802 - 2002", ausgerichtet vom Esslinger Kulturreferat, von Stephanie und Christop Haas maßgeschneidert. Welcher Ort wäre wohl besser geeignet als das Areal des Industriedenkmals Dick? "In des Gesanges Meer tauchen wir ein." Das Wasser im Tauchturm reflektiert das blaue Licht und die Stimme schwebt klagend untermalt von bedrohlichem Rauschen empor. "Da halten die Engelein die Augen zu ", Haas schwankt bei dem Lied "Der Müller und der Bach" und kauert sich anschließend in den Lüftungsschacht. Walgesänge und ein Gong locken die Taucherin Susanne Kromer hervor. Schwerelos schwebt sie zu den Klängen von Richard Wagner im Wasser, während die Sängerin den Liebestod der Isolde stirbt. Blutrotes Licht flammt auf. In blutbefleckten weißen Overalls trommelt martialisch die Percussion-Gruppe "Banda Maracatu" auf Mülltonnen, Treppengeländern und der Balustrade. Das Industriezeitalter ist angebrochen und die Messer- und Feilenfabrik Dick ist wieder auferstanden. Unter dem projizierten ehemaligen Werbeplakat der Firma lauscht mit gesenktem Kopf der stille Engel dem Choral aus der "Matthäuspassion" von Bach. Schrill kreischend, die Silben ausspuckend, beschwört Haas wie eine Furie die sieben Plagen. Mit blitzenden Augen fixiert die Künstlerin die Zuschauer auf der Galerie. Sie singt gegen das stetige Stimmengemurmel des Laufpublikums an. Äolsröhren erfüllen mit ihrem sirrenden Ton die Luft. Der schwarze Engel erscheint im Aufzug. Eindrucksvoll halten die von Christoph Haas geschwungenen biegsamen Rohre mit der ausdrucksstarken und nuancenreichen Stimme von Stephanie Haas bei "De Angelis" von Hildegard von Bingen Zwiesprache. "Die Mondnacht" von Joseph von Eichendorff bricht mit ihrem violetten Licht herein. Der Engel friert, während der Wind nicht nur um das Dick, sondern auch aus den Lautsprechern pfeift. "Guten Abend, gute Nacht", zärtlich verabschiedet Haas mit dem "Wiegenlied" von Brahms das begeisterte Publikum.

Sabine Försterling, Stuttgarter Zeitung, 29.10.2002

 

"Herzkasper" (Irrlicht-Theater Stuttgart, 1989)

 
 

"Nacht der Utopien" (Schloss Monrepos, 1994)